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Prof. Dr. Stephan Conermann
Bonner Zentrum für Transkulturelle Narratologie
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Faktuale oder fiktionale Texte?

Was Texten innewohnt, sind Interpretationen jener Informationen und Erkenntnisse über die Vergangenheit, die dem jeweiligen Autor in seiner Zeit zur Verfügung standen. Unternimmt man den Versuch einer Dechiffrierung der textuellen Intentionalität, ist es sicher sinnvoll, von der Frage auszugehen, welche narrativen Strukturen und Strategien bei der Abfassung von diesen Texten verwendet worden sind. Erzählung oder narrativer Text soll dabei heißen, dass es sich um eine Abfolge von Zeichen (einen 'Text') handelt, die eine Abfolge von Ereignissen (eine 'Geschichte') repräsentieren, wobei wir mit Gérard Genette faktuale von fiktionalen Erzählungen scheiden wollen. Faktuale Erzählungen – wie etwa Biographien, Autobiographien oder Chroniken – stellen unter Behauptung eines Wirklichkeitsanspruches und einer 'Referenzialisierbarkeit' ein Geschehnis dar, das von dem Leser prinzipiell für wahr gehalten werden soll. Faktuale Texte handeln zwar nicht von erfundenen Figuren, Gegenständen und Ereignissen, können jedoch – und dies ist das Entscheidende – durchaus literarisch sein und somit über eine eigene Poetizität verfügen. Sie sind als narrative Modelle der Realität zu verstehen, als sprachlich erarbeitete, konstruktive Verstehensentwürfe. Dabei erweist sich die Realität für die literarische Verarbeitung einerseits als ein Zuwenig. Durch "deutende Verbindungen und die Herstellung von Zusammenhängen" wird die "Defizienz des Gegebenen" aufgerundet (Assmann 1980, 14). Andererseits entpuppt sie sich auch als ein Zuviel. Die Totalität auch nur eines Augenblickes darzustellen ist unmöglich, so dass die Notwendigkeit besteht, auswählen zu müssen, um "durch das Prinzip der Selektion eine unübersichtliche und bedeutungslose Entropie in eine sinnvolle Einheit zu überführen" (Ebda.). Fiktionale Texte hingegen sind "Teil einer realen Kommunikation, in der ein realer Autor (…) Sätze produziert, die von einem realen Leser gelesen werden." (Klein/Martínez 2009, 2) Neben die reale Kommunikationssituation tritt noch eine imaginäre, in der ein Erzähler vor den eigentlichen Textproduzenten tritt. Somit kann nicht der Verfasser "für den Wahrheitsgehalt der in seinem Text aufgestellten Aussagen verantwortlich gemacht werden, weil er diese zwar produziert, aber nicht behauptet – vielmehr ist es der imaginäre Erzähler, der diese Sätze mit Wahrheitsanspruch behauptet." (Ebda.)

Die Unterscheidung Faktualität versus Fiktionalität lässt sich allerdings in einer ganzen Reihe von Erzähltexten nicht sauber trennen, die Grenzen verschwimmen häufig genug und Faktuales überlappt sich mit Fiktionalem und umgekehrt. Es sei an dieser Stelle auf das Freiburger Graduiertenkolleg (GRK 1767) "Faktuales und fiktionales Erzählen – Differenzen, Interferenzen und Kongruenzen in narratologischer Perspektive" hingewiesen. Dort wird man, wie es auf der Homepage heißt, in den nächsten Jahren folgende Ziele verfolgen: "Erstens ist faktuales Erzählen in seinen narrativen Besonderheiten zu erfassen (Differenz und Kongruenz); zweitens sollen Grenzphänomene bzw. Grenz- und Übergangsbereiche zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen in verschiedenen Gattungen und Disziplinen untersucht werden (Interferenzen); drittens ist die Beziehung und Verschränkung von Fiktionalität und Faktualität in verschiedenen Medien zu erschließen. Es soll darum gehen, faktuale Erzählungen in ihrer Gattungsbreite unter Einschluss funktionaler und formaler Aspekte sowohl systematisch wie diachron zu fassen, und ihren jeweiligen Gebrauchskontexten gemäß zu studieren." (https://www.grk-erzaehlen.uni-freiburg.de/)

Das Bonner Zentrum für Transkulturelle Narratologie (BZTN) bearbeitet vor dem Hintergrund einer grundsätzlich unscharfen Trennung in faktuale und fiktionale Texte narrative Strategien in ausgewählten Textsorten (Hagiographien, Historiographie, Life Writing, Reiseberichte), genrespezifische Erzähltechniken und Modi der Erzählens in unterschiedlichen Gattungen. Darüber hinaus gehen wir der Frage nach, mit welchen theoretischen und methodischen Vorannahmen außereuropäische Literaturgeschichte überhaupt geschrieben werden kann. Dies führt schließlich auch zur Frage, ob die an "abendländischen" Material entwickelten Konzepte und Kategorien für Material aus anderen "Kulturräumen" nutzbringend als Analyseinstrumentarium angewendet werden kann.

Literatur:

  • Aleida Assmann, Die Legitimität der Fiktion. Ein Beitrag zur Geschichte der literarischen Kommunikation, München 1980.
  • Christian Klein/Matías Martínez, Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens, in: Dies. (Hg.), Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens, Stuttgart 2009, 1-13. 

 

 

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